Archive for Januar, 2010
Was ich nicht weiß…
… macht andere trotzdem unglücklich. Oder krank. Oder sogar tot.
Wir haben in unserem alltäglichen Leben ein großes Distanzproblem. Der Strom kommt aus der Steckdose, das Essen aus dem Supermarkt, die Klamotten von H&M und die CDs und Bücher aus dem Internet. Alles ist so schön günstig und wenn nicht hier, dann bestimmt woanders.
STOP!
Man muss sich nur mal vorstellen, die Distanz zur Herkunft unserer alltäglichen Dinge wäre plötzlich verschwunden.
Für ein Duplo oder eine Packung ChocoCrossies würden wir doch nie ein 9-jähriges Nachbars-Kind einen Baum hochjagen und danach 10kg-Säcke schleppen lassen. Nein? Aber woanders lassen wir es zu.
Für einen leckeren Burger würden wir doch nie in unserem Hinterhof ein niedliches, kleines Kalb gewaltsam der Mutter entreißen, dann in der eigenen Scheiße stehend im Halbdunkeln mit viel zu wenig Platz mit Hightech-Futter maschinell vollstopfen, ihm verschiedene unnütze Körperteile abschneiden, um es dann irgendwann eingepfercht und verängstigt zum Schlachter zu bringen, wo es dann ebenso maschinell getötet und verarbeitet wird. Nein? Aber woanders lassen wir es zu.
Für den Strom, der aus der Steckdose kommt, damit wir unsere tollen Geräte aufladen und benutzen können, würden wir nie wollen, dass unsere Kinder und die unserer besten Freunde Atembeschwerden und Leukämie bekommen oder unseren Verwandten die komplette Ernte verdirbt, wenn wir doch wissen, dass sie davon leben müssen und ihnen dann beim verhungern zuschauen. Nein? Aber woanders lassen wir es zu.
Für das coole neue T-Shirt, das ja nur 10 EUR kostet (selbst wenn es 100 EUR kostet, muss das noch nix heißen), würden wir doch nie verlangen, dass unsere Eltern 16 Stunden am Tag für einen Hungerlohn in vollen, heißen Fabriken sitzen, dort ungeschützt mit giftigen Chemikalien hantieren und keinerlei Rechte haben. Nein? Aber woanders lassen wir es zu.
Wir würden unsere Kinder nie das Wasser trinken lassen oder sie im Wasser baden, das wir im Bad den Abfluss runterrauschen lassen oder das die Chemiefabriken in die Flüsse leiten, damit alle tollen Produkte hergestellt werden können? Nein? Aber woanders lassen wir es zu.
Klar haben wir immer die Entscheidung, was wir wann wo kaufen und es gibt auch Menschen, die leben komplett, ohne solche Dinge zu fördern, aber es ist auch so verdammt schwierig. Die Firmen lügen auf Verpackungen, in Anzeigen und Werbespots unverschämt das Blaue vom Himmel herunter. Jede Menge Entscheidungen treffen wir völlig unbewusst, weil uns jahrelang oder gar jahrzehntelang gewisse Dinge eingetrichtert wurden, so dass wir nicht mal auf die Idee kommen, sie mal in Frage zu stellen. Die Zusammenhänge der globalisierten Welt werden ja bewusst verschleiert. Und die Firmen schaufeln sich die Taschen voll. Klingt platt, ist aber so.
Wenn ich z.B. für eine Kanne Kaffee, 20 afrikanischen Familien das Trinkwasser wegnehmen müsste, 10 Bäume verbrennen, 20 Fische töten, 2 Arbeiter verprügeln und einem Kind verbieten müsste, in die Schule zu gehen, würde er mir gründlich im Hals stecken bleiben! Muss ich aber nicht.
Aber nachdenken kann ich. Wenigstens hier und da. Schonmal mit irgendwas anfangen. Ökostrom bestellen. Auch mal Bio ausprobieren. Nicht mehr zu McDonalds oder Burger King gehen. Mal wieder mit der Bahn fahren. Einfach mal testen und gucken, wie es sich anfühlt. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm. Und ohne dass es bei mir schlechter wird, wird es woanders vielleicht ein kleines bisschen besser. Und es verdient vor allem kein scheinheiliger Konzern mehr Geld mit meiner Unwissenheit und Untätigkeit.
Vom komischen Gefühl, deutsch zu sein
Ich habe dieses Gefühl nicht in allen Ländern, zum Beispiel in Spanien und in der Türkei ist das nicht so, aber in manchen Ländern möchte ich irgendwie nicht, dass die Menschen merken, dass ich deutsch bin. Das ist manchmal wegen der deutschen Geschichte und manchmal wegen des (von mir vermuteten) Bildes, dass die Menschen dort, wo ich gerade bin, von uns haben.
Über die Schweizer habe ich z.B. letztens noch in Print und TV erfahren, dass sie die Deutschen im Allgemeinen für unhöflich, hölzern und viel zu direkt halten. Und das ging mir die letzten Tage in Zürich schon durch den Kopf. Hatte ich vor der Abreise noch darüber gewitzelt, dass ich extra alles falsch mache, ratterte ich insgeheim alle Regeln herunter, bevor ich jemanden ansprach.
“Gruezi…” (nicht “hallo”, das ist laut “Schweizer Benimmkurs” viel zu familiär) “Entschuldigen Sie bitte, könnten Sie mir bitte eventuell weiterhelfen? Ich suche da ein bestimmtes Buch…” War das nun OK? Klingt ja auf jeden Fall schonmal wesentlich vorsichtiger als “Hallo, haben Sie XY von Z da?”
Meistens war die Antwort freundlich, trotzdem dachte ich immer “Oh nein. Sie hasst dich!”
Und überhaupt, der Direkt-Vergleich der Sprache war auch immer komisch. Obwohl ich das Schwyzerdütsch gar nicht mal so besonders klangvoll finde, kam ich mir in den Gesprächen immer vor wie ein Roboter, der total abgehackte Sätze von sich gibt.
Grmpf.
Bio Zwischenstand
Unser Dezember-Experiment geht in die Verlängerung, denn erstens hat es Spaß gemacht und zweitens waren wir ja ab dem 25.12. in Zürich, weswegen ein echter Vergleich zu anderen Monaten ja gar nicht möglich ist. Die Hochrechnungen haben aber ergeben:
- Lebensmittelausgaben lagen ca. 40% höher als im Durchschnitt (was viel klingt, aber kein wirklich hoher Betrag ist)
- Ausgaben für “draußen was essen” dafür ca. 10% niedriger (liegt wahrscheinlich am Spaßfaktor und am kritischer beäugen der Lebensmittel, die einem da so angeboten werden)
Außer den reinen Fakten gibt es natürlich das gute Gefühl beim Essen, wegen der Welt, der Tiere und auch wegen des eigenen Körpers. Außerdem macht es Spaß, die ganzen unbekannten Sachen auszuprobieren. 1,5 kg abgenommen hab ich auch, ob das jetzt daran liegt, weiß ich nicht und das hatte sich dann zwischen Weihnachten und Silvester sowieso auch wieder erledigt ;)
Heute gibt es Lasagne mit Bio-Lachs, Bio-Spinat, Bio-Nudeln und Bio-CrèmeFraîche. Mal schauen :)
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