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Öko in überraschenden Gefilden
Ich bin baff. Heute Morgen saß ich im Wartezimmer beim Arzt (nix schlimmes, nur Vorsorge) und blätterte in einer Cosmopolitan. Da fand ich doch tatsächlich einen Artikel einer Redakteurin, die versuchte, einen Monat lang ökologisch und ethisch korrekt zu leben. Und siehe da, es hat ihr gefallen. Sie schilderte all die Probleme, die ich nur allzu gut kenne. Angefangen bei den teureren Produkten, den komplexen Zusammenhängen, den Rückschlägen, dem Ärger von Freunden und Familie über den neu erweckten Missionierungsdrang und – tadaaa – dass sie jetzt, am Ende des Versuchs nicht mehr damit aufhören möchte.
Wenn jetzt sogar in solchen Ecken damit angefangen wird, dann bin ich ja fast guter Hoffnung. Allerdings fand ich den Bericht über den nachhaltigen, ökologisch-korrekten Urlaub auf den Malediven dann wiederum irgendwie… Wie kann ein Flug um die Welt jemals nachhaltig sein?
Allerdings glaube ich nicht, dass die Zielgruppe dieser Zeitung nun geschlossen auf Alverde-Kosmetik umsteigt. Da bin ja sogar ich gerade wieder von ab. Schminke, die gar nicht schminkt ist nämlich auch irgendwie…
Was ich nicht weiß…
… macht andere trotzdem unglücklich. Oder krank. Oder sogar tot.
Wir haben in unserem alltäglichen Leben ein großes Distanzproblem. Der Strom kommt aus der Steckdose, das Essen aus dem Supermarkt, die Klamotten von H&M und die CDs und Bücher aus dem Internet. Alles ist so schön günstig und wenn nicht hier, dann bestimmt woanders.
STOP!
Man muss sich nur mal vorstellen, die Distanz zur Herkunft unserer alltäglichen Dinge wäre plötzlich verschwunden.
Für ein Duplo oder eine Packung ChocoCrossies würden wir doch nie ein 9-jähriges Nachbars-Kind einen Baum hochjagen und danach 10kg-Säcke schleppen lassen. Nein? Aber woanders lassen wir es zu.
Für einen leckeren Burger würden wir doch nie in unserem Hinterhof ein niedliches, kleines Kalb gewaltsam der Mutter entreißen, dann in der eigenen Scheiße stehend im Halbdunkeln mit viel zu wenig Platz mit Hightech-Futter maschinell vollstopfen, ihm verschiedene unnütze Körperteile abschneiden, um es dann irgendwann eingepfercht und verängstigt zum Schlachter zu bringen, wo es dann ebenso maschinell getötet und verarbeitet wird. Nein? Aber woanders lassen wir es zu.
Für den Strom, der aus der Steckdose kommt, damit wir unsere tollen Geräte aufladen und benutzen können, würden wir nie wollen, dass unsere Kinder und die unserer besten Freunde Atembeschwerden und Leukämie bekommen oder unseren Verwandten die komplette Ernte verdirbt, wenn wir doch wissen, dass sie davon leben müssen und ihnen dann beim verhungern zuschauen. Nein? Aber woanders lassen wir es zu.
Für das coole neue T-Shirt, das ja nur 10 EUR kostet (selbst wenn es 100 EUR kostet, muss das noch nix heißen), würden wir doch nie verlangen, dass unsere Eltern 16 Stunden am Tag für einen Hungerlohn in vollen, heißen Fabriken sitzen, dort ungeschützt mit giftigen Chemikalien hantieren und keinerlei Rechte haben. Nein? Aber woanders lassen wir es zu.
Wir würden unsere Kinder nie das Wasser trinken lassen oder sie im Wasser baden, das wir im Bad den Abfluss runterrauschen lassen oder das die Chemiefabriken in die Flüsse leiten, damit alle tollen Produkte hergestellt werden können? Nein? Aber woanders lassen wir es zu.
Klar haben wir immer die Entscheidung, was wir wann wo kaufen und es gibt auch Menschen, die leben komplett, ohne solche Dinge zu fördern, aber es ist auch so verdammt schwierig. Die Firmen lügen auf Verpackungen, in Anzeigen und Werbespots unverschämt das Blaue vom Himmel herunter. Jede Menge Entscheidungen treffen wir völlig unbewusst, weil uns jahrelang oder gar jahrzehntelang gewisse Dinge eingetrichtert wurden, so dass wir nicht mal auf die Idee kommen, sie mal in Frage zu stellen. Die Zusammenhänge der globalisierten Welt werden ja bewusst verschleiert. Und die Firmen schaufeln sich die Taschen voll. Klingt platt, ist aber so.
Wenn ich z.B. für eine Kanne Kaffee, 20 afrikanischen Familien das Trinkwasser wegnehmen müsste, 10 Bäume verbrennen, 20 Fische töten, 2 Arbeiter verprügeln und einem Kind verbieten müsste, in die Schule zu gehen, würde er mir gründlich im Hals stecken bleiben! Muss ich aber nicht.
Aber nachdenken kann ich. Wenigstens hier und da. Schonmal mit irgendwas anfangen. Ökostrom bestellen. Auch mal Bio ausprobieren. Nicht mehr zu McDonalds oder Burger King gehen. Mal wieder mit der Bahn fahren. Einfach mal testen und gucken, wie es sich anfühlt. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm. Und ohne dass es bei mir schlechter wird, wird es woanders vielleicht ein kleines bisschen besser. Und es verdient vor allem kein scheinheiliger Konzern mehr Geld mit meiner Unwissenheit und Untätigkeit.
Schöner Leben in 2010
Huch, morgen ist Silvester und obwohl ich doch jetzt total online bin, hab ich schon wieder zwei Wochen nichts geschrieben. Seit Heiligabend habe ich mich aber auch total verkrochen, genau einmal die Tagesschau geguckt, nämlich heute (Nacktscanner? Im Ernst?) und auch keine Zeitung mehr gelesen.
Deswegen bin ich zwar einerseits total uninformiert, was Politik und Zeitgeschehen angeht, hatte aber andererseits sehr viel Zeit, in mich zu gehen und mich mit den elementaren Bereichen des Lebens zu beschäftigen:
Mate: check.
Familie: check.
Job: check.
Engagement: check.
Gesundheit: check.
Fitness: ääh…
Nachdem ich nun seit Mitte Oktober werktäglich ca. zwölf (!) Stunden auf meinem Hintern gesessen habe, nämlich zwei in Zug und Bus, acht im Büro, wieder zwei in Zug und Bus, muss ganz dringend ein Ausgleich her. Sonst sieht man es ihm nämlich bestimmt bald an, da hilft auch mein Yoga-Dienstag nicht mehr.
Da bei den o.g. zwölf Stunden ja nicht mehr viel Zeit übrig bleibt in der Woche, müssen kreative Ideen her. Ich bin nämlich überhaupt nicht der Typ “Hey, endlich Wochenende, da geh ich doch jetzt mal stundenlang joggen, schwimmen und Badminton spielen!” Meine Lieblingsbeschäftigungen im Alltag sind nämlich so wahnsinnig bewegungsintensive Dinge wie Lesen, Essen, durch die Stadt schlendern, am Rechner sitzen, DVD gucken, Kino usw.
Da es aber ja der einzige Vorsatz ist, müsste das doch irgendwie zu schaffen sein! Erstes Brainstorming hat ergeben, nicht mehr mit der U-Bahn zum Bahnhof, sondern zu Fuß, einen Crosstrainer erwerben, um abends doch wenigstens eine halbe Stunde Bewegung einzuschieben, Mittagspausen-Gymnastik und ein fester Badminton-Termin mit dem Mate. Aber ehrlich gesagt, graut es mir ein bisschen vor all der Anstrengung…
Identitätskrise in Sicht?
Es geht los, meine Freunde machen sich Sorgen, wo das alles noch so hinführt bei mir. Seit gestern Abend kann ich mich nun mit dem Titel Öko-Faschistin schmücken!
Genau das habe ich kommen sehen. In dem (übrigens ziemlich coolen und lustigen) Buch, das ich gerade lese, hatte ich vorher noch die Stelle gelesen, wo der Autor von seinen Freunden gesagt bekommt, dass er früher viel lustiger war und jetzt öfter mal nervt. Er hat da allerdings auch keine Lösung für parat. Und irgendwie will ich auch keine, denn ich glaube, das pendelt sich schon ein.
Ich werde auch in Zukunft niemanden mit Steinen bewerfen, der sein Auto nicht verkauft. Ich werde Flugzeuge benutzen, wenn der Zug die 3 bis 5-fache Zeit braucht. Und ich werde immer ChocoCrossies essen, egal ob die Bio sind oder nicht. Aber manche Dinge sind mir sehr wichtig und die muss ich jetzt dringend überall loswerden, vor allem da sie auch für mich neu und spannend sind. Und was auch noch wichtig ist: Dies hier ist ein Themen-Blog und nicht die Essenz meiner Person. Hugh! ;)
