Blümchenguerilla

Im täglichen Kampf für eine bessere Welt

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Privat-Lobbyisten an den Urnen

Ich bin echt traurig überrascht. Viele Menschen, die ich gerne mag und die intelligent und informiert sind, wählen immer nur das, was für sie ganz persönlich am besten ist. Bei einer nicht-repräsentativen Umfrage habe ich festgestellt, dass diese Menschen auch noch in der Überzahl sind. Ich bin überrascht. Hätte ich den meisten von ihnen doch zugetraut, nicht an sich selbst, sondern an die Menschen in Deutschland allgemein zu denken. Oder an die Sicherung der Zukunft, bezogen auf Umwelt, Bildung usw. Ist aber gar nicht so. Und es hört sich ungefähr so an:

  • “Ich als Selbstständige muss doch die FDP wählen!”
  • “Ich kann nur die SPD wählen, mein Vater ist Bergmann gewesen.”
  • “Natürlich wähle ich die Piraten. Ich habe in einer Firma gearbeitet, die meine Daten gespeichert hat.”
  • “Ich wähle die Grünen, weil die die Straße hinter meinem Garten verhindern wollen.”
  • Ich wähle die CDU, weil der XY im Rat ist und mit mir Tennis spielt.

Tja, da war ich mal wieder ein wenig naiv. Ich wähle die Grünen, weil ich ihnen am meisten zutraue, dafür zu sorgen, dass wir auf lange Sicht in einem lebenswerten Land leben. Und zwar alle zusammen. Denn mir persönlich geht es glaub’ ich immer gut, egal wer gerade regiert.

Schade, dass scheinbar so viele das anders sehen.

Vom komischen Gefühl, deutsch zu sein

Ich habe dieses Gefühl nicht in allen Ländern, zum Beispiel in Spanien und in der Türkei ist das nicht so, aber in manchen Ländern möchte ich irgendwie nicht, dass die Menschen merken, dass ich deutsch bin. Das ist manchmal wegen der deutschen Geschichte und manchmal wegen des (von mir vermuteten) Bildes, dass die Menschen dort, wo ich gerade bin, von uns haben.

Über die Schweizer habe ich z.B. letztens noch in Print und TV erfahren, dass sie die Deutschen im Allgemeinen für unhöflich, hölzern und viel zu direkt halten. Und das ging mir die letzten Tage in Zürich schon durch den Kopf. Hatte ich vor der Abreise noch darüber gewitzelt, dass ich extra alles falsch mache, ratterte ich insgeheim alle Regeln herunter, bevor ich jemanden ansprach.

“Gruezi…” (nicht “hallo”, das ist laut “Schweizer Benimmkurs” viel zu familiär) “Entschuldigen Sie bitte, könnten Sie mir bitte eventuell weiterhelfen? Ich suche da ein bestimmtes Buch…” War das nun OK? Klingt ja auf jeden Fall schonmal wesentlich vorsichtiger als “Hallo, haben Sie XY von Z da?”

Meistens war die Antwort freundlich, trotzdem dachte ich immer “Oh nein. Sie hasst dich!”

Und überhaupt, der Direkt-Vergleich der Sprache war auch immer komisch. Obwohl ich das Schwyzerdütsch gar nicht mal so besonders klangvoll finde, kam ich mir  in den Gesprächen immer vor wie ein Roboter, der total abgehackte Sätze von sich gibt.

Grmpf.

Thanks for Working

Seit meinen Anfängen im Berufsleben habe ich immer in nächster Nähe zur Arbeit gewohnt und habe zu Fuß, mit dem Fahrrad und manchmal auch mit dem Auto, dabei oft noch leicht verträumt, einen maximal zehnminütigen Weg zurückgelegt. Das hat sich ja am 12. Oktober schlagartig geändert.

Seit elf Wochen nun stehe ich in der Woche um 6:00 auf und trete ca. eine Stunde späte eine kleine Reise durch NRW an. Und ich muss sagen, ich bin ehrlich beeindruckt!

Ich öffne die Haustür und da liegt meine Zeitung. Jeden Tag.*

Der Vorraum der U-Bahn, die Treppe und die Gleise sind aufgeräumt und sauber, der Getränke- und Süßigkeiten-Automat ist befüllt. Jeden Tag.

Die U-Bahn kommt pünktlich. Jeden Tag.

Ich gehe in den Bahnhof, und die Frau mit dem braunen Pferdeschwanz und der dunkelhäutige Mann verkaufen freundlich Brötchen und Kaffee an die ganzen anderen Menschen, die auch so früh schon unterwegs sind. Jeden Tag.

Ich gehe hoch zum Gleis und die Bahn 1 kommt maximal fünf Minuten zu spät. Jeden Tag. Außer zweimal.

In Duisburg steige ich aus und gehe in den Bahnhof, wo eine andere Frau mit braunem Pferdeschwanz Schnitzel, Würste und Frikadellen brät. Wer auch immer morgens sowas essen möchte. Jeden Tag.

Ich gehe zum Gleis und warte auf Bahn 2, die immer pünktlich da ist. Jeden Tag. Außer zweimal.

In Mönchengladbach gehe ich runter in den Bahnhof und sehe den Blumenmann und seine Frau, die in ihrem Laden stehen. Jeden Tag.

Draußen liefern Menschen in LKW Waren an. Menschen warten auf Ihren Bus. Die Bäckerei-Frau im fast leeren Vituscenter verkauft tapfer Brötchen und jemand fegt oder streut die Bürgersteige. Jeden Tag.

Dann kommt pünktlich mein Bus, der mich zur Arbeit bringt. Jeden Tag. Außer zweimal.

Die Republik tickt wie ein Schweizer Uhrwerk, jeder ist an seinem Platz und macht seinen Job. Ich finde das wirklich faszinierend. Einerseits ist es wohl das Gegenteil vom freien, unabhängigen Leben, dass sich die Menschen in ihren Herzen so wünschen. Andererseits bin ich sehr dankbar, dass ich mich auf das Ganze so verlassen kann. Und so erscheint es mir gar nicht roboterhaft und abstoßend, sondern eher rührend. Manchmal möchte ich jedem einzelnen sagen “Toll, dass du das immer so machst hier!”

* Es sei denn, mein Nachbar hat sie geklaut. Das finde ich auch beeindruckend, aber auf eine andere Art.

The Big Sellout – Der große Ausverkauf

Gestern Abend war mal wieder Zeit vor lauter Kopfschütteln nicht mehr klarzukommen. Dank DVB-T empfangen wir jetzt einsfestival, einen echt interessanten Sender, auf dem ich schon mehrere gute Dokus und Filme gesehen habe. Und dank taz-Empfehlung haben wir “Der große Ausverkauf” geschaut.

Ein ehrenwerter britischer Eisenbahner, eine tapfere philippinische Mutter, eine resolute Süd-Afrikanerin und jede Menge andere Menschen, berichten, wie die Privatisierung der öffentlichen Versorgung (Strom, Wasser, Verkehr) sich auf ihren Alltag ausgewirkt hat. Missstände, Unfälle, 300% steigende Preise, Patienten, die von Ihren Angehörigen im Krankenhaus versorgt werden, weil kein Personal da ist – Der Werbefilm der Weltbank, der die Privatisierung als Allheilmittel für das Gemeinwohl anpreist, wirkt zwischen diesen Bildern auch völlig unkommentiert wie die pure Satire.

Was hat die FDP nochmal mit der Pflegeversicherung vor…?

Hier der Trailer:

Man kann auch den ganzen Film stückweise auf Youtube gucken.

Time for a Vision

Es läuft die Michael Jackson Trauerfeier. Eigentlich wollte ich um acht nur die Tagesschau gucken. Und eigentlich war ich total genervt, dass auf allen Kanälen das Gleiche kam. Aber irgendwie hat es mich dann doch gefesselt, denn jetzt ist es eineinhalb Stunden später und ich gucke immer noch.

Ich war nie ein Fan, aber eine Sache berührt mich doch sehr. Alle sprechen immer wieder davon, wieviel Liebe und Respekt er für die Menschen und die Welt übrig hatte und wie er unzählige Menschen damit inspiriert hat. Leider stimmt da was nicht ganz, denn zumindest hat das auf die heutige Menschheit nicht den erhofften Effekt gehabt.

Trotzdem in diesem Sinne, die Botschaft, 25 Jahre alt (?), kein bisschen unaktuell und mit Michael als meinem persönlichen Highlight in diesem Lied (bei 2:40):

Don’t trust the Stranger?

Ein unglaublich netter Mann Anfang 50, nennen wir ihn mal Herrn D., hat gestern Mittag in Wickrath in einer Bäckerei Mittagspause gemacht und ein Croissant gegessen. Da die Bäckerei neben einem Discounter liegt, konnte er beobachten, wie ein Mann mit seiner ca. 8-jährigen Tochter versucht hat, ein riesiges Paket Trampolin in einen nicht so riesigen Fahrrad-Anhänger zu wuchten und damit davon zu fahren. Herr D. war skeptisch und hoffte, dass die beiden nicht allzu weit weg wohnen.

Als Herr D. nach zehn Minuten sein Mittagessen aufgegessen hatte und mit dem Auto (daran arbeiten wir noch) wieder zurück zur Arbeit fuhr, sah er ein paar hundert Meter weiter, wie der Mann seinen Fahrradreifen aufpumpte. Das Trampolin-Paket war tatsächlich viel zu schwer.

Und weil er so nett ist, hielt Herr D. an und bot dem Mann an, das Trampolin zu ihm nach Hause zu fahren. Weil sich das mit dem Fahrrad sonst schwierig gestaltet hätte, fragte er, ob die kleine Tochter auch mitnehmen soll. Zur Verwunderung von Herrn D. willigte der Mann ein und die Tochter, nennen wir sie M., hüpfte fröhlich in Herrn D.’s Auto. Während der Fahrt erzählte sie fröhlich aus der Schule und von ihrer Familie. Zu Hause angekommen, half Herr D. noch, das Trampolin in den Garten zu tragen. Alle verabschiedeten sich fröhlich, die kleine M. nahm Herrn D. an die Hand, brachte ihn zum Auto und gab ihm zum Dank ein Küsschen auf die Wange.

Ich würde meine Tochter niemals mit einem fremden Mann wegfahren lassen. Ich würde wahrscheinlich nicht mal jemandem mein Trampolin mitgeben. Und während ich das hier geschrieben habe, kamen mir lauter fiese Gedanken, was in einer anderen Konstellation von Menschen hätte passieren können.

Ist das nicht traurig? Wir könnten in einer wundervollen Welt leben, wenn die Menschen nicht so wären, wie sie sind…